Die Krux mit den Großprojekten öffentlicher Bauträger

elbphilharmonie Hamburg südansichtSchon immer sind es die großen, monumentalen Bauwerke gewesen, welche die Menschen in Staunen versetzen und deren Planung und Umsetzung die Mächtigen beflügelt sich in der Skyline ihrer Städte zu verewigen. Dabei geht es nur vordergründig um Geld und Nutzwert sondern immer auch um Seele und Kultur einer Stadt, eines Landes oder einer Gesellschaft. Nach Ansicht des Designtheoretikers Deyan Sudijic war große Architektur „immer die Manifestation einer immanenten Profilneurose der Macht“. Dies zieht sich von den Pyramiden über die Arenen des alten Rom, den Tay Mahal, Versailles oder die Gigantomanie der NS-Zeit bis hin zu den Großprojekten die im heutigen Deutschland  die öffentliche Diskussion und Wahrnehmung bestimmen. Nach der Theorie des Wirtschaftspolitologen Yasheng Huang vom Massachusetts Institute Of Technology „wird nationales Wachstum vor allem vom Aufbau von Infrastruktur getrieben“ welcher aber nur dann reibungslos funktioniert, „wenn ihn Staat und Wirtschaft ohne Widerstand der Bürger vorantreiben können“ und der Staat über soviel Land verfügt, „dass Großprojekte ohne langwierige Verhandlungen realisiert werden können“. Ein weiteres Problem ist laut Bahn-Chef Grube, mitverantwortlich für Großprojekte wie Stuttgart 21, dass sich Planungsphasen über 20 Jahre hinziehen können. „Da ist von Start bis Baubeginn eine neue Generation herangewachsen, die sieht das Projekt möglicherweise anders als die Älteren. Und schon fangen Sie wieder bei Adam und Eva an“. Grubes Forderung: „Planung und Bau müssen schneller werden!“.

Aber sind das die entscheidenden Gründe weshalb öffentliche Großprojekte immer häufiger aus dem Ruder laufen? BerlinerStuttgart-Hauptbahnhof-300 Flughafen, Stuttgart 21, Elbphilharmonie in Hamburg, Nord-Süd-Stadtbahn Köln: Wo der Staat baut explodieren die Kosten in schöner Regelmäßigkeit und Zeitpläne werden nicht einmal im Ansatz eingehalten. Dass dies kein Zufall ist stellten Experten wie der Wirtschaftswissenschaftler Werner Rothengatter und sein Team bei der Untersuchung zahlreicher Großprojekte auf der ganzen Welt fest. Kostensteigerungen von 50 % und mehr waren der Normalfall und gerade westliche Demokratien scheinen für diesen Effekt besonders anfällig zu sein.

Der Staat hat kein Interesse an realistischen Kostenrechnungen

Die Ursachen hierfür sind mannigfaltig. Da Politiker in der Regel auf die Zustimmung der Öffentlichkeit angewiesen sind, haben sie gar kein Interesse an einer realistischen Kostenrechnung. „Wer ein Projekt von Anfang an ehrlich schätzt, hat wenig Chancen, es auch zu verwirklichen“, so Rothengatter. Im Zweifelsfall sind die Politiker eh nicht mehr im Amt wenn die Kosten explodieren, aber nach der Fertigstellung des Projekts bleibt ihr Name mit ihm verbunden. Es kann aber auch der Fall eintreten, dass, wie im Fall Stuttgart 21, mit einem Bauvorhaben Neuland betreten wird. Die Folge: Das Vorhaben wird zu komplex und wächst seinen Protagonisten über den Kopf. Fataler Weise wird bei vielen Bauvorhaben schon in der Planungsphase gespart, da die Verantwortlichen die anfallenden Kosten scheuen. Dabei ist gerade eine minutiöse und straffe Zeitplanung unabdingbar für die reibungslose Abwicklung solcher Projekte. Daher wäre es eigentlich ratsam Generalunternehmer für solche Maßnahmen zu engagieren, da diese fachlich kompetenter sind und die Kosten wesentlich realistischer einschätzen können. Aber gerade das ist der Grund, dass sie meistens verschmäht werden. So wurde der Bau des Terminals des Berliner Flughafens 2007 neu ausgeschrieben, da die Angebote 70 % über den 620 Mio. Euro lagen, die Berlin, Brandenburg und der Bund bereit waren zu zahlen. Diese übernahmen schließlich das Management mit der Folge, dass die Kosten allein für das Terminal mittlerer Weile bei über 1,2 Milliarden liegen. Dies zeigt deutlich, dass Politiker schlechte Manager und Kontrolleure sind, denen die Anforderungen solcher Projekte zu schnell über den Kopf wachsen.

Sonderwünsche, schlechte Verträge und mangelhafte Kontrolle

Zudem sind die gewöhnlichen Verwaltungsstrukturen nicht auf solche Großprojekte ausgelegt. Die Vertragssgebilde extrem komplex und zahlreich. Mangelnde eigene Kompetenzen werden in den seltensten Fällen duch qualifizierte externe Berater ausgeglichen wie es in der Realwirtschaft gang und gäbe ist. Hier helfen sogenannte Contract-Manager bei der Planung und ausfertigung der Verträge und unterstützen die Bauträger bei der Kontrolle der Bauleistungen und Fristen. Aber auch wenn ein Generalunternehmer eingesetzt wird kann der Fall eintreten, dass aufgrund nachträglich geäußerter Sonderwünsche von Seiten der Politik, Lücken in die Planung gerissen werden. Der Eindruck täuscht also nicht: Wo sich die Politik zum Bauherren aufschwingt steigen die Kosten ins Astronomische. So kostete die Oper in Sydney am Ende 15-mal so viel wie geplant und das Olympia-Dach in München sogar das 17-fache, doch haben sich beide Bauten heute als Wahrzeichen der jeweiligen Stadt etabliert...und sind untrennbar mit den Namen derer verbunden, die ihre Errichtung initiierten.